DIE MÖGLICHKEIT EINES GESPRÄCHS (Sendung)

 

Guten Morgen,

 

Eine Telefonzelle inmitten der Wüste Negev. Das Foto ist Jahre alt. Aber noch immer freue ich mich diebisch über diesen Schnappschuss von damals aus Israel. Es ist so schön absurd: Mitten in der endlosen Sandwüste steht da das Telefonhäuschen, ganz akkurat. Und kein Mensch ist zu sehen, weit und breit. 

Wobei: Die Telefonzelle hatte damals sehr wohl einen Sinn: Handys gab es noch nicht flächendeckend und der Negev ist so etwas wie der Truppenübungsplatz von Israels Armee. Die Telefonzelle war für die jungen Soldaten der Weg, von dort aus mit jemand zu sprechen. Mit wem auch immer, wo auch immer. Kurz: Die Möglichkeit für ein Gespräch. Selbst in der Wüste. Und so etwas ist gar nicht absurd, sondern ist wichtig.

 

Für mich trifft das Foto das, wofür die Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger hierzulande stehen. Die Möglichkeit für ein Gespräch. Und sie bieten diese Möglichkeit oft genug für Menschen, die gerade Wüstenzeiten durchmachen. 

 

Vor Jahren hat ein Mitarbeiter der Telefonseelsorge den Verlauf eines solchen Gesprächs zu Papier gebracht . Es ist so anonym, so dass es die Privatsphäre der Anruferin achtet. Ich möchte Sie dieses Gespräch hören lassen, weil es mir offenbar macht, worum es geht bei der Telefonseelsorge:

 

22 Uhr fünfzehn. Muss eine Frau sein. Aus dem Hörer kommt nur ein Laut. Ein Stöhnen, oder mehr noch ein Hauch. Ich drücke den Hörer fester ans Ohr. Als ob ich so besser hören könnte. Dunkelheit draußen. Während der anhaltenden Stille kriecht mich die Ahnung an, da kommt etwas Schlimmes. Etwas vielleicht, dem ich nicht standhalten kann. War es die Art des Lauts?

Dann stockend, leise:

„Mein Arzt heute. Ich sei HIV positiv, hat er gesagt.“ 

Dann wieder Stille. 

„Wenn ich nur wüsste, mit wem ich darüber sprechen kann.“ 

Stockt wieder.

„Meine Tochter ist drei. Schläft nebenan in ihrem Zimmer.“ 

Siebenundzwanzig ist die Anruferin.

„Und was ist mit Ihrem Mann?“ 

„Können Sie vergessen. Einfach verschwunden. Nie wieder was von ihm gehört. Mit wem soll ich nur sprechen?“ 

Mein Blick fällt auf ein Kalender-Bild an der Wand: Eine Allee mit blühenden Kastanien. Mein erster Fluchtversuch.

Ich zwinge mich zurück: „Und Ihre Eltern ...?“ 

„Ach was, die würden erwarten, dass ich sie tröste.“

„Unweigerlich zum Tod, hat der Arzt gesagt. Ich habe solche furchtbare Angst.“ 

„Und Ihr Kind?“, frage ich. 

„Ja, Sie sagen es.“

„Warum spreche ich überhaupt mit Ihnen? Bringt ja doch nichts. Mit meiner Freundin zu sprechen auch nicht. Die schüttet mich zu mit Ratschlägen. Dann bin ich noch mehr allein.“

 

Wieder der Impuls, mich in der Kastanienallee vor der Situation zu verstecken. Ich überlege, sie wird jetzt gleich einhängen. Ich warte vergebens auf einen Engel, der mir vielleicht einen hilfreichen Gedanken eingibt.

Schweigen. 

Sie nach einer Weile: 

„Sind Sie noch da?“

Ich: „Ja, bin ich.“ 

„Tut gut, dass Sie nichts sagen und Zeit haben.“ 

Stockend erwägt sie jetzt ein paar praktische Fragen, was sie nun morgen früh tun wird. Arzttermin usw. Immer wieder Schweigen zwischendurch.

Sie am Schluss: 

„Ich ruf Sie in den nächsten Tagen wieder an...“ 

 

Puh…schwere Kost am Morgen ist das. Aber es ist die Realität, vielleicht auch gerade, jetzt in diesem Moment in einer der über 100 Telefonseelsorgestellen in Deutschland. 

 

Beeindruckt hat mich ich die Reaktion der Anruferin: „Tut gut, dass Sie nichts sagen und Zeit haben“. Das ist ja erst mal nicht viel, sollte man denken. Aber vielleicht in ihrer Krise scheint das genau die richtige Ration zu sein, die die junge Anruferin braucht, um weiter zu kommen. Zuhören, Zeit haben: Ganz dezent, nicht aufdrängend, mitfühlend, aber nicht bemitleidend. Kurz: die Möglichkeit eines Gesprächs. 

 

Eben: wie eine Telefonzelle in der Wüste.

 

Kommen Sie gut in den Tag, wünscht Klaus Nelißen aus Köln.

 

http://www.telefonseelsorge-koeln.de/images/stories/TS_Koeln_Buch.pdf , S.30f.

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