For life to go on

FOR LIFE TO GO ON (Sendung)

Eigentlich sollte man meinen, Kevin Briggs hätte am wohl schönsten Arbeitsplatz für einen Polizisten gearbeitet. 23 Jahre war er Officer der Highway Patrol an der Golden Gate Bridge an der Bucht von San Francisco.

Ich habe ein Jahr nahe San Francisco studiert. Ein Seminarraum hatte den Blick auf die Brücke und jedes Mal, wenn die roten Pfeiler aus dem Nebel stachen, war ich verzaubert: Was für ein Bau! Die Golden Gate Bridge ist ein Wahrzeichen, nicht nur eine praktische Autobahnbrücke. Sie ist für mich ebenso ein Symbol für Freiheit wie die Statue in New York.

Von daher hätte sich Kevin Briggs glücklich schätzen können. Aber die Brücke ist auch Symbol für eine der dunkelsten Geheimnisse menschlicher Freiheit. Und das ist die Freiheit, sich das Leben zu nehmen. Gerade die Golden Gate-Bridge zieht Lebensmüde scheinbar magisch an. Sie reisen aus den ganzen USA an, um von hier in den Tod zu springen. Seit den bald 80 Jahren ihres Bestehens haben sich hier über 1.600 Menschen umgebracht. Sie springen in den Pazifik. 5 Sekunden Flug, bevor der Leib mit Tempo 120 an der Wasseroberfläche meist zerschellt. Fast keiner hat das überlebt.

Kevin Briggs hatte also nicht den schönsten Arbeitsplatz der Welt sondern vielleicht einen der herausforderndsten. 

Über 200 Mal stand er auf der Brücke und suchte das Gespräch mit jenen, die in einem Bruchteil von Sekunden, über das Geländer geklettert sind, bereit zum Sprung. Darauf hatte ihn keiner vorbereitet. Aber Briggs konnte fast immer einen Draht aufbauen zu diesen Menschen. Briggs hatte ein gutes Händchen. Wann immer er alarmiert wurde, eilte er zu ihnen hin. Er nahm sich Zeit, versuchte ihnen die Hand zu reichen. Briggs hörte zu, erfuhr unglaubliche Schicksale und hat in die Abgründe ihrer Seelen geschaut: mitten auf der Brücke – zwischen Leben und Tod. Meist ging es ihm darum, den todesentschlossenen Menschen noch einen Gedanken mitzugeben. Und das ist dieser: „Wenn dein Leben ein Buch ist, erlebst du heute vielleicht das dunkelste Kapitel. Schlägst du es jetzt zu, wirst du nie herausfinden, ob es nicht doch ein gutes Ende nimmt.“

Die Menschen auf der Brücke versprachen ihm dann meist, noch einmal die Sonne aufgehen zu sehen über der Bay. Damit hatte Briggs Zeit gewinnen können. So konnte er professionelle Hilfe zur Seite stellen. Die Aussicht auf den nächsten Sonnenaufgang – selbstgewählt: Viele Male haben die Menschen mit dieser Aussicht erneut den Wunsch nach Leben verspürt.

Seine Geschichte wird Kevin Briggs auf dem Weltkongress der Telefonseelsorger erzählen . Er findet bis nächsten Samstag in Aachen statt und wird der größte seiner Art sein. Das Motto: „For life to go on“, „Damit das Leben weiter geht“. Das ist das Gründungsanliegen der Telefonseelsorge-Bewegung. 

Kevin Briggs wird erzählen, wie vielen Menschen er mit diesem einen Gedanken helfen konnte, ins Leben zurück zu finden. Er wird aber sicherlich auch von dem Mann erzählen mit dem er 2007 auf der Brücke stand . Mitte 20 war er, gut gekleidet, frisch rasiert. Mitten im Leben. 40 Minuten hatten sie gesprochen. Drei Mal gab der Mann dem Policeofficer die Hand. Es sah so gut aus. Beim dritten Mal sagte der Mann: „Es tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen“ und sprang. Das ist einer der wenigen Menschen, die Briggs nicht vor dem Suizid bewahren konnte.

Auch diese Erfahrung gehört dazu. Wie Kevin Briggs wissen Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger darum: Selbst wenn sie es schaffen, sich auf den anderen wirklich einzulassen. Wenn Sie einen Zugang finden und sogar den Blick weiten können weg von der Verlockung des selbstgewählten Todes hin auf die größere Perspektive des Lebens: Am Ende kann niemand einen Menschen davon abbringen, sich das Leben zu nehmen, wenn dieser Mensch es wirklich will. Das gehört zur Freiheit eines Menschen und oft ist es ein dunkles Geheimnis. Menschen wie Kevin Briggs sind daher sehr vorsichtig damit um, was den Begriff „Rettung“ anbelangt. Ihre Aufgabe macht demütig. Sie wissen nur zu gut, dass sie nicht alle und jeden retten können.

Und dennoch: „For life to go on“, dass sie immer wieder vom Leben erzählen, Telefonat für Telefonat, das kann man nicht genug wertschätzen. Danke für diesen Dienst!

Bildrechte: Anthony Quintano CC BY 2.0

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