DIE KUNST DES ZUHÖRENS (Sendung)

 

Guten Morgen!

Es gibt eine Kunstform, die kann man in keinem Museum besichtigen. Sie geschieht direkt zwischen Menschen, ist Vertrauenssache. Und die Meister dieser Kunst wissen: Am besten sind sie, wenn sie sich dabei nicht produzieren.

Ich rede von der Kunst des Zuhörens. Das ist ja erst mal ein geflügeltes Wort und beschreibt keine Kunst im klassischen Sinne. Aber vom Zuhören als Kunst zu reden, das kommt nicht von ungefähr. 

 

Meister dieser Kunstform finden Sie in der Telefonseelsorge: Tag und Nacht hören Männer und Frauen den Anrufenden zu. Sie machen das meist ehrenamtlich, verlangen keine Gebühren, bleiben anonym und sind verschwiegen. Da sie ihr Gegenüber nicht sehen, nicht kennen, müssen sie allein aus dem Gehörten erfassen worum es eigentlich geht. Das „Zu“-Hören ist eine Bewegung auf den anderen hin, baut zielgerichtet einen Kontakt auf. Dabei nimmt sich der Telefonseelsorger oder die Telefonseelsorgerin insofern zurück, als es nur darum geht, empfänglich zu sein für das Anliegen der Anrufenden. 

 

Richtiges Zuhören-Können ist wirklich eine Kunst. Nicht umsonst lernen das die interessierten Männer und Frauen fast ein Jahr, bis sie tatsächlich in die Telefonseelsorge gehen können. Natürlich gibt es Naturtalente. Die können das intuitiv. Aber mir scheint, in unserer Gesellschaft ist diese Kunst auf dem Rückzug. Zu viele Reize, zu viel Ablenkung: Wer schenkt noch jemandem ungeteilt sein Ohr? 

 

Ich war verblüfft, als eine Mitarbeiterin der Telefonseelsorge dieses Zuhören mit einem Instrument verglich. Sie sagt, als Telefonseelsorgerin sehe sie sich wie ein Streichinstrument, das der Musik Klang verleiht. Dazu sei es wichtig, sein Instrument gut gestimmt zu haben. Will heißen: es kann sein, dass der Anrufende ein bestimmte Saite anspielt, ein bestimmtes Lebensthema, das bei ihr besondere Resonanzen hervorruft. Das habe dann weniger mit dem Anrufenden zu tun, sondern vielmehr mit ihr selbst. Das kann ein Thema sein, das die Telefonseelsorgerin selbst berührt, mit dem sie gerade selbst hadert oder wo sie eine eigene seelische Verletzung hat und deshalb besonders sensibilisiert ist. Damit ihre Reaktion, quasi der Ton, dann nicht schrill wird, oder verzerrt, sei es umso wichtiger, seinen Gefühlshaushalt ehrlich zu kennen. 

 

In dem Jahr Vorbereitung auf die Telefonseelsorge lernen die Männer und Frauen daher nicht allerhand Ratgeberbücher auswendig mit den besten Tricks und Kniffs. Sie lernen vor allem ihren Seelenhaushalt kennen, ihr Instrument als Resonanzkörper. Kurz: Ihre Intuition.

 

Die Kunst des Zuhörens bedeutet: Sich für den Moment nur am Anderen zu orientieren. Und das kann nur, wer sich dabei im Blick behält. Um noch einmal im Bild des Instrumentes zu bleiben: Gut Zuhören fängt da an, wo ich mir bewusst

werde, welche Schwingungen das Gesagte bei mir erzeugt. 

 

Wer in dieser Form zuhören kann, der erringt eine eigene Lebensweisheit. Die besteht eben nicht darin, möglichst fix auf alles einen passenden Ratschlag raushauen zu können. Die Weisheit besteht darin, dem anderen möglichst unverstellt Raum zu geben für seine Anliegen. 

 

In der Bibel gibt es dazu eine bemerkenswerte Erzählung. Da gewährt Gott jemandem einen Wunsch. Der Wünschende ist aber nicht irgendwer. Es ist König Salomo. Jetzt müssen Sie dazu wissen, dass Salomo weit über Israel hinaus berühmt gewesen sein soll für seine Weisheit. Nicht von ungefähr sprechen wir heute noch von einem „Salomonischen Urteil“, also ein gerechtes Urteil, das mit Weisheit gefällt wird. 

 

Die Geschichte erzählt, wie der junge Salomo zu seiner Weisheit kam. Denn er wünscht sich nicht Reichtum, Macht, Erfolg, oder allumfassendes Wissen. Nein! Salomo wünscht sich ein „hörendes Herz“ (1Kg 3,9). Damit meint er nicht das Organ, die Blutpumpe, sondern das Herz als Wesensmitte des Menschen. Er wünscht sich ein „hörendes Herz“, vielleicht weil er ahnt, dass alle Weisheit und weisen Entscheidungen in diesem hörenden Herz ihren eigentlichen Grund haben. Die Kunst des Zuhörens ist am Ende also eine Herzensangelegenheit. Weisheit beginnt nicht beim guten Rat, sondern beim Herz, das zu dem Anderen hin-hört.

 

Einen guten Tag wünscht Ihnen Klaus Nelißen aus Köln.

 

Bildrechte: Quinn Dombrowski CC BY-SA 2.0

 

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