NUR VOM HÖREN-SAGEN (Sendung)

 

Guten Morgen,

 

wenn ich hier im WDR-Studio sitze und ins Mikrofon spreche, dann vergesse ich meist, dass Sie mich ja gar nicht sehen, wenn Sie mich hören. 

Aber: Ich se he Sie ja auch nicht – und kann nur vermuten, was Sie in diesem Moment so machen. Im Radio ist das so: da kennt man sich nur vom „Hören-Sagen“.

 

Diese Kontakte zu Menschen, die man nicht sieht, die sind etwas Besonderes. Wenn allein die Stimme einen Raum gibt, um Beziehung aufzubauen. 

Meist geschieht das ja am Telefon. Und oft sind diese Kontakte nur formell: Zu meinem Bank- oder Versicherungsberater baue ich keine persönliche Beziehung auf. 

 

Aber wenn es um mehr als nur um Bürokram geht, dann ist mir die Begegnung von Angesicht zu Angesicht wichtig. Dann lade ich sie möglichst rasch einmal zu einem Kaffee ein, oder zu was auch immer.

 

Wenn ich aber der Frage nachgehe, zu welcher Person ich nur über die Stimme am Telefon eine Beziehung pflegte, dann fällt mir eine treue Hörerin ein, Frau Richter. 

 

Wie wir uns am Telefon kennenlernten, das war so: Ich arbeite im katholischen Rundfunkreferat und wir bekommen recht häufig Anrufe von Hörerinnen und Hörern unserer Sendungen im WDR. Meist sind das einmalige Kontakte. Aber mit Frau Richter hatte ich im Laufe der Zeit so eine Art Telefonfreundschaft geschlossen: Regelmäßig rief sie an, wenn ihre Lieblingsautoren zu Wort kamen. „Herr Nelissen! Sr. Ancilla spricht! Ich freu mich auf diese Woche“, rief sie dann zum Beispiel durchs Telefon. 

 

Ich wusste bald: Sie wohnte in einem Altenheim im Ruhrgebiet, ging stramm auf die 90 zu. Ihre Stimme hatte etwas Aristokratisches an sich, ernst wie beherrscht. Man hörte, dass sie aus gutem Hause stammte.

Weil ihre Stimme aber so etwas kippelig klang, wie die meiner Großmutter, stellte ich sie mir vor wie meine Oma. 

 

Nach und nach erfuhr ich mehr über das Leben hinter der Stimme von Frau Richter. Oft klagte sie über das Altenheimleben: die Einsamkeit, das Essen, die Gebrechen des Alters. Um sie abzulenken, fragte ich dann meist, wie es damals in Berlin war. Davon hatte sie schon bei einem der ersten Telefonate erzählt. Es waren die wohl besten Jahre ihres Lebens. Die Geschichten wiederholten sich, wie bei einer vielgespielten Schallplatte, wo die Nadel auch immer zurückspringt. 

Ich merkte jedenfalls, wie sich Frau Richters Stimme hob, wenn sie von Berlin sprach. 

 

Oft beendete sie ihr Telefonat damit, dass sie sagte: „Wissen sie eigentlich, wie häufig ich für Sie im Radio bete?“ Das hat mich gerührt und irgendwann fragte ich Frau Richter, ob ich für sie eine Kerze im Kölner Dom anzünden dürfe. Das hat sie wiederum gefreut. Und so blieben wir im Kontakt.

 

Irgendwann dann wurde die Stimme schwächer. Frau Richter baute merklich ab. Von jetzt an telefonierte sie im Liegen, wie sie mir sagte. „Herr Nelissen. Ich kann die Sonne nicht mehr sehen von meinem Bett aus“ klagte sie. Da fiel ihr das Sprechen schon schwer. Es war das letzte oder vorletzte Telefonat. 

 

Und dann kam kein Anruf mehr. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt. Natürlich bekommt man im Rundfunkreferat keine Todesmeldung von seinen Hörerinnen und Hörern. 

 

Das Ganze ist jetzt zwei Jahre her. Und ich musste an Frau Richter Stimme denken, als ich die Beiträge für diese Woche schrieb. Denn ich möchte in den kommenden Tagen morgens über Telefonseelsorge sprechen. 

Was mich an dieser Arbeit fasziniert: Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger schaffen es immer wieder neu, Kontakt aufzubauen zu den Anrufenden – nur über die Stimme, ganz anonym. Beziehungsarbeit vom Hören-Sagen – das ist ihr Alltag. 

 

Sie stellen ihre eigene Stimme zur Verfügung als ein Gegenüber, das zuhört. So bieten sie eine wichtige Kontaktfläche für Millionen von Menschen hierzulande, die sonst niemanden hätten, denen sie sich anvertrauen könnten.

Ich habe einen hohen Respekt vor allen, die so geduldig zuhören können, gerade dann, wenn sie ihr Gegenüber nicht sehen.

 

Kommen Sie gut in die Woche, halten Sie Ausschau nach der Sonne und finden Sie Menschen, die Ihnen zuhören, wenn Sie es brauchen! Das wünscht Ihnen Klaus Nelißen aus Köln. 

 

Bildrechte: loren kerns CC BY 2.0

 

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