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WDR Lebenszeichen | 05.03.2017 | 29:07 Min.

Hör mir zu – so lautet einer der großen und unerfüllten Wünsche unserer Zeit. Und immer sind es die anderen, die zuhören sollen und es nicht können. Unerhört hört man ständig etwas und redet selbst viel. Autor: Frank Schüre.

 

WDR Lebenszeichen: Ganz Ohr im Lärm des Alltags

 

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Was wir kaufen, bleibt uns fremd, so dass wir uns teilweise auch fremd bleiben oder fremd werden.

Dieser Podcast lädt ein zu mehr Konsum, damit wir weniger kaufen müssen.

amPuls3 - Konsum

 

 

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Beschreibung auf Zeitfenster Aachen:

„Alle Jahre wieder…“ Weihnachten, Trubel, Familienfest. Manches kommt alle Jahre wieder und wir können ihm nur schwer ausweichen. Vielleicht ist es aber auch gut so. Erst durch die Wiederholung kann sich so ein Geheimnis wie Weihnachten erschließen, alle Jahre wieder ist nicht gleich. Worauf warte ich zu Weihnachten? Was kommt in meinem Leben immer wieder neu zur Welt mit seinem reichen Schatz an Erfahrungen als Begleiter und Sinn-Sucher."

 

 

 

Webseite Zeitfenster Aachen: ZEITFENSTER AACHEN

Zeitfenster Aachen als Podest bei iTunes: PODCAST iTunes

 

"Alle Jahre wieder ..." 

 

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Gisela Steinahauer und Frank Ertel im WDR Studio

"Nein", sagt Frank Ertel, evangelischer Pfarrer und Leiter der Telefonseelsorge Aachen/Eifel, "denn wenn wir aufhören, uns für die Schicksale anderer zu interessieren, geht die Barmherzigkeit zum Teufel."

Zwei Millionen Menschen wenden sich jedes Jahr an die Telefonseelsorge in Deutschland. Viele von ihnen sind einsam, viele suchen Rat oder Trost, viele wünschen sich einfach nur jemanden, der ihnen zuhört. Für sie nehmen sich die - hauptsächlich ehrenamtlichen - MitarbeiterInnen viel Zeit. 

"Wir müssen verhindern, eine Gesellschaft der 'Unberührbaren' zu werden", sagt Frank Ertel, "nur wenn wir uns weiterhin anrühren lassen von den Nöten, Sorgen und Ängsten unserer Mitmenschen, kann die Gemeinschaft funktionieren".

Wie er und sein Team die "sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit" definieren, erzählt er in den Sonntagsfragen.

(Text WDR)

WDR 2 Sonntagsfragen   am 2. Advent - Thema: Barmherzigkeit

WDR 2 Sonntagsfragen Webseite

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 Vertrauen ist die stillste Art von Mut

 

"Vertrauen ist die stillste Art von Mut"

Ist das so? Und wenn, kennen sie das vielleicht auch, dass sie sich gerade mit dem Vertrauen schon mal sehr schwer tun.

Was ist das mit dem Vertrauen?

 

Podcast: amPuls - Vertrauen

 

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Wo endet der Regenbogen? Betrachtungen zum Alltag.

Am Puls 1 - Regenbogen.mp3

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Das Leben ist schön

Viktor Staudt

Bullshit-Sätze sind das wohl für Menschen, der in einem Leben stecken, wie Viktor Staudt, damals. Seit seiner Jugend sah er die Welt nur noch schwarz: Depression. Und für einen klinisch Depressiven ist ein Satz wie „Das Leben ist lebenswert“ quälend kryptisch. De r erklärt sich nicht von selbst. Denn Depressive können genau das meist nicht erfahren: das Schöne, das Lebenswerte. Panikattacken, Angstzustände: Die gehörten zum Leben von Viktor Staudt. Und das alles wurde schlimmer, als er mit Mitte 20 vom Niederrhein in die Großstadt Amsterdam zog. Nach außen: Leistungsträger, nach innen: ohne jeden Lebensmut. Irgendwann sah er keinen Hoffnungsschimmer mehr, sogar das Atmen war ihm zu viel. Da beschloss er an einem Novembermorgen 1999: Jetzt ist Schluss. Auf dem Weg zur Arbeit warf er sich vor den Zug, in einem Bahnhof in Amsterdam. 

Aber: Viktor Staudt hat überlebt! Die Notfallhelfer hatten ganze Arbeit geleistet. Für ihn jedoch war das keine freudige Nachricht. Zumal er bei seinem missglückten Suizidversuch beide Beine verloren hatte. Weiter leben musste er nun im Rollstuhl, mit Schmerzen. Aus seiner Sicht hatte er das Leben nicht neu geschenkt bekommen, sondern sein Leiden wurde verlängert. 

Viktor Staudt wollte jetzt erst recht sterben und das so schnell wie möglich. Das kann man in Holland offiziell, mit Sterbehilfe. Sein Glück war, dass er an den richtigen Sterbehelfer geraten ist. Mit dem musste er sich nämlich erst mal unterhalten. Und der riet ihm, zu leben. Er sah, dass Viktor Staudt womöglich zu helfen sei, mit der richtigen Therapie und Medikation. Was für eine Ironie: Ausgerechnet der Herr über die Pillen fürs Jenseits konnte ihm vom lebenswerten Leben erzählen, mit Erfolg. Viktor Staudt begann tatsächlich eine Therapie, die Medikamente schlugen an. An den meisten Tagen kann er nun die Welt in ihren bunten Farben sehen, nicht mehr nur Schwarz. Die Depression ist nicht weg. Aber er weiß, mit ihr zu leben. Und das will er – mehr denn je. Er weiß heute, was für ein Geschenk das Leben ist.

Mittlerweile ist Viktor Staudt ein gefragter Mann, denn er hat ein Buch geschrieben, als einer, der seinen eigenen Suizid überlebt hat. Darin erzählt er von diesem Geschenk namens Leben. Sein Buch hat vielen Betroffenen geholfen. Denn: Er weiß, wovon er spricht . Und er weiß, wie wichtig der richtige Rat zur richtigen Zeit ist. 

Kommende Woche wird Viktor Staudt nach Aachen kommen, wenn sich dort 1.800 Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger aus aller Welt treffen. Der Weltkongress der Telefonseelsorge findet statt zum 60sten Jubiläum der Bewegung in Deutschland. Das Motto ist „For life to go on“ – damit das Leben weiter geht. Das ist der Gründungsimpuls der Telefonseelsorgebewegung – und von diesem Impuls kann Viktor Staudt erzählen.

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For life to go on

FOR LIFE TO GO ON (Sendung)

Eigentlich sollte man meinen, Kevin Briggs hätte am wohl schönsten Arbeitsplatz für einen Polizisten gearbeitet. 23 Jahre war er Officer der Highway Patrol an der Golden Gate Bridge an der Bucht von San Francisco.

Ich habe ein Jahr nahe San Francisco studiert. Ein Seminarraum hatte den Blick auf die Brücke und jedes Mal, wenn die roten Pfeiler aus dem Nebel stachen, war ich verzaubert: Was für ein Bau! Die Golden Gate Bridge ist ein Wahrzeichen, nicht nur eine praktische Autobahnbrücke. Sie ist für mich ebenso ein Symbol für Freiheit wie die Statue in New York.

Von daher hätte sich Kevin Briggs glücklich schätzen können. Aber die Brücke ist auch Symbol für eine der dunkelsten Geheimnisse menschlicher Freiheit. Und das ist die Freiheit, sich das Leben zu nehmen. Gerade die Golden Gate-Bridge zieht Lebensmüde scheinbar magisch an. Sie reisen aus den ganzen USA an, um von hier in den Tod zu springen. Seit den bald 80 Jahren ihres Bestehens haben sich hier über 1.600 Menschen umgebracht. Sie springen in den Pazifik. 5 Sekunden Flug, bevor der Leib mit Tempo 120 an der Wasseroberfläche meist zerschellt. Fast keiner hat das überlebt.

Kevin Briggs hatte also nicht den schönsten Arbeitsplatz der Welt sondern vielleicht einen der herausforderndsten. 

Über 200 Mal stand er auf der Brücke und suchte das Gespräch mit jenen, die in einem Bruchteil von Sekunden, über das Geländer geklettert sind, bereit zum Sprung. Darauf hatte ihn keiner vorbereitet. Aber Briggs konnte fast immer einen Draht aufbauen zu diesen Menschen. Briggs hatte ein gutes Händchen. Wann immer er alarmiert wurde, eilte er zu ihnen hin. Er nahm sich Zeit, versuchte ihnen die Hand zu reichen. Briggs hörte zu, erfuhr unglaubliche Schicksale und hat in die Abgründe ihrer Seelen geschaut: mitten auf der Brücke – zwischen Leben und Tod. Meist ging es ihm darum, den todesentschlossenen Menschen noch einen Gedanken mitzugeben. Und das ist dieser: „Wenn dein Leben ein Buch ist, erlebst du heute vielleicht das dunkelste Kapitel. Schlägst du es jetzt zu, wirst du nie herausfinden, ob es nicht doch ein gutes Ende nimmt.“

Die Menschen auf der Brücke versprachen ihm dann meist, noch einmal die Sonne aufgehen zu sehen über der Bay. Damit hatte Briggs Zeit gewinnen können. So konnte er professionelle Hilfe zur Seite stellen. Die Aussicht auf den nächsten Sonnenaufgang – selbstgewählt: Viele Male haben die Menschen mit dieser Aussicht erneut den Wunsch nach Leben verspürt.

Seine Geschichte wird Kevin Briggs auf dem Weltkongress der Telefonseelsorger erzählen . Er findet bis nächsten Samstag in Aachen statt und wird der größte seiner Art sein. Das Motto: „For life to go on“, „Damit das Leben weiter geht“. Das ist das Gründungsanliegen der Telefonseelsorge-Bewegung. 

Kevin Briggs wird erzählen, wie vielen Menschen er mit diesem einen Gedanken helfen konnte, ins Leben zurück zu finden. Er wird aber sicherlich auch von dem Mann erzählen mit dem er 2007 auf der Brücke stand . Mitte 20 war er, gut gekleidet, frisch rasiert. Mitten im Leben. 40 Minuten hatten sie gesprochen. Drei Mal gab der Mann dem Policeofficer die Hand. Es sah so gut aus. Beim dritten Mal sagte der Mann: „Es tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen“ und sprang. Das ist einer der wenigen Menschen, die Briggs nicht vor dem Suizid bewahren konnte.

Auch diese Erfahrung gehört dazu. Wie Kevin Briggs wissen Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger darum: Selbst wenn sie es schaffen, sich auf den anderen wirklich einzulassen. Wenn Sie einen Zugang finden und sogar den Blick weiten können weg von der Verlockung des selbstgewählten Todes hin auf die größere Perspektive des Lebens: Am Ende kann niemand einen Menschen davon abbringen, sich das Leben zu nehmen, wenn dieser Mensch es wirklich will. Das gehört zur Freiheit eines Menschen und oft ist es ein dunkles Geheimnis. Menschen wie Kevin Briggs sind daher sehr vorsichtig damit um, was den Begriff „Rettung“ anbelangt. Ihre Aufgabe macht demütig. Sie wissen nur zu gut, dass sie nicht alle und jeden retten können.

Und dennoch: „For life to go on“, dass sie immer wieder vom Leben erzählen, Telefonat für Telefonat, das kann man nicht genug wertschätzen. Danke für diesen Dienst!

Bildrechte: Anthony Quintano CC BY 2.0

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SCHWEIGEANRUFE UND BETEN (Sendung)

 

Guten Morgen,

von Schweigeanrufen habe ich erst etwas gehört, seitdem ich mich mit der Telefonseelsorge beschäftige. Schweigeanruf, das klingt wie ein Widerspruch in sich: Im Wort „Anruf“ steckt ja schon der Ruf drin. Wie aber muss sich das anfühlen, wenn da keiner spricht?

 

Tatsächlich gehören Schweigeanrufe zum Alltag der Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger. Bei den 1,8 Millionen Anrufen pro Jahr, beginnen viele mit Schweigen – und sehr viele enden auch damit. 

 

Eine Telefonseelsorgerin hat mir erzählt, dass die Ehrenamtlichen in ihrer knapp einjährigen Vorbereitung besonders geschult werden für diese Anrufe ohne Worte. Der Schweigeanruf ist die mysteriöseste Form des „Telefongesprächs“, eben absolut zurückgenommen: Kein Name, kein Wort, hörbar sind nur die Geräusche im Hintergrund und das Atmen in den Hörer. Die Gründe, warum der Anrufer oder die Anruferin schweigt, bleiben natürlich verborgen. Manchmal fehlen sprichwörtlich die Worte. Manchmal reicht die Kraft nicht mehr. Manchmal braucht eine Person in einer schweren psychischen Krise nur das Gefühl, dass jemand da ist und ruft an, bis das Beruhigungsmedikament anfängt zu wirken. 

 

Die Telefonseelsorgerin sagte mir, sie merke sehr schnell, ob es sich um einen dieser Schweigeanrufe handelt. Dann ist sie umso mehr gefragt in der Kunst des Zuhörens: Hört man ein Schluchzen? Ein Röcheln? Wirkt das Schweigen traurig oder ärgerlich? Ist es gar ein Kampfschweigen? Auch das gibt es: Da versucht der Anrufende auszutesten, wie lange der andere das Schweigen aushält. Wie auch immer. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf den anderen, der schweigt. Und zugleich spürt die Telefonseelsorgerin nach, was das Schweigen für Resonanzen in ihr auslöst. Ihre Frage lautet: Komme ich in Kontakt mit dem Menschen, der schweigt? 

 

Ob man versucht sei, dazwischen so etwas wie ein Sudoku zu lösen, frage ich etwas flapsig nach. Es interessiert mich, denn es braucht bestimmt Kraft, um nicht abzuschweifen. Nein, erwidert die Telefonseelsorgerin ernst: Es sei wichtig, auch im Schweigen zu signalisieren, ich bin da. „Und das geht nur, indem ich dann auch da bin. Mit aller Aufmerksamkeit“, erklärt sie. Manche dieser Anrufe können bis zu einer Viertelstunde dauern, sagt sie mir. Und erst, sobald sie merke, dass sie den Kontakt verliere zu dem Menschen, der schweigt, dann sage sie, sie wolle in einer absehbaren Zeit auflegen. Ich bin fasziniert: Ob sie Kontakt hat oder nicht, das kann sie letztlich nur festmachen an ihrer Intuition.

 

Ich bin deshalb fasziniert, denn genau so geht es mir beim: Beten! Sie haben richtig gehört. Ich kann das nur für mich persönlich sagen: Aber das tiefe Gebet, das nicht schnell die Worte auf der Zunge daher plappert, das hat für mich etwas zu tun mit diesem Schweigeanruf. Dann schweige ich. Und er schweigt auch. Denn ich gestehe: Ich habe noch nie Gott zu mir sprechen gehört. Ich weiß nicht, wie es anderen geht. Vielleicht hören andere Stimmen. Gott schweigt. Was aber nicht heißt, dass er nicht da ist.

 

Für mich geht es bei diesem tiefen Gebet im Schwiegen letztlich aber um genau dasselbe, wie der Telefonseelsorgerin: Kontakt finden. Kontakt zu dem, „der mich unbedingt angeht“, wie es der Theologe Schleiermacher mal gesagt hat. Unbedingt, das heißt auch: Jenseits der Worte. 

 

Seit ich von den Schweigeanrufen gehört habe, fasziniert mich dieser Gedanke in Bezug auf mein Beten: Wenn ich Kontakt haben möchte, braucht es keine Worte. Und dennoch merke ich: Er ist da.

 

Klar, manchmal wünschte ich mir schon ein Wort, das tröstet, ein Wort von Sinn. Aus seinem Mund. Wenn dann auf meine tiefsten Fragen jenes Schweigen kommt, mache ich es im Grund wie die Telefonseelsorgerin: Ich achte umso mehr auf die Nebengeräusche. 

 

Oft bekomme ich genau da die Hinweise, die ich suche.

 

Einen guten Freitag wünscht Klaus Nelißen aus Köln.

 

Bildrechte: david pacey (flickr) CC BY 2.0

 

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DIE MÖGLICHKEIT EINES GESPRÄCHS (Sendung)

 

Guten Morgen,

 

Eine Telefonzelle inmitten der Wüste Negev. Das Foto ist Jahre alt. Aber noch immer freue ich mich diebisch über diesen Schnappschuss von damals aus Israel. Es ist so schön absurd: Mitten in der endlosen Sandwüste steht da das Telefonhäuschen, ganz akkurat. Und kein Mensch ist zu sehen, weit und breit. 

Wobei: Die Telefonzelle hatte damals sehr wohl einen Sinn: Handys gab es noch nicht flächendeckend und der Negev ist so etwas wie der Truppenübungsplatz von Israels Armee. Die Telefonzelle war für die jungen Soldaten der Weg, von dort aus mit jemand zu sprechen. Mit wem auch immer, wo auch immer. Kurz: Die Möglichkeit für ein Gespräch. Selbst in der Wüste. Und so etwas ist gar nicht absurd, sondern ist wichtig.

 

Für mich trifft das Foto das, wofür die Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger hierzulande stehen. Die Möglichkeit für ein Gespräch. Und sie bieten diese Möglichkeit oft genug für Menschen, die gerade Wüstenzeiten durchmachen. 

 

Vor Jahren hat ein Mitarbeiter der Telefonseelsorge den Verlauf eines solchen Gesprächs zu Papier gebracht . Es ist so anonym, so dass es die Privatsphäre der Anruferin achtet. Ich möchte Sie dieses Gespräch hören lassen, weil es mir offenbar macht, worum es geht bei der Telefonseelsorge:

 

22 Uhr fünfzehn. Muss eine Frau sein. Aus dem Hörer kommt nur ein Laut. Ein Stöhnen, oder mehr noch ein Hauch. Ich drücke den Hörer fester ans Ohr. Als ob ich so besser hören könnte. Dunkelheit draußen. Während der anhaltenden Stille kriecht mich die Ahnung an, da kommt etwas Schlimmes. Etwas vielleicht, dem ich nicht standhalten kann. War es die Art des Lauts?

Dann stockend, leise:

„Mein Arzt heute. Ich sei HIV positiv, hat er gesagt.“ 

Dann wieder Stille. 

„Wenn ich nur wüsste, mit wem ich darüber sprechen kann.“ 

Stockt wieder.

„Meine Tochter ist drei. Schläft nebenan in ihrem Zimmer.“ 

Siebenundzwanzig ist die Anruferin.

„Und was ist mit Ihrem Mann?“ 

„Können Sie vergessen. Einfach verschwunden. Nie wieder was von ihm gehört. Mit wem soll ich nur sprechen?“ 

Mein Blick fällt auf ein Kalender-Bild an der Wand: Eine Allee mit blühenden Kastanien. Mein erster Fluchtversuch.

Ich zwinge mich zurück: „Und Ihre Eltern ...?“ 

„Ach was, die würden erwarten, dass ich sie tröste.“

„Unweigerlich zum Tod, hat der Arzt gesagt. Ich habe solche furchtbare Angst.“ 

„Und Ihr Kind?“, frage ich. 

„Ja, Sie sagen es.“

„Warum spreche ich überhaupt mit Ihnen? Bringt ja doch nichts. Mit meiner Freundin zu sprechen auch nicht. Die schüttet mich zu mit Ratschlägen. Dann bin ich noch mehr allein.“

 

Wieder der Impuls, mich in der Kastanienallee vor der Situation zu verstecken. Ich überlege, sie wird jetzt gleich einhängen. Ich warte vergebens auf einen Engel, der mir vielleicht einen hilfreichen Gedanken eingibt.

Schweigen. 

Sie nach einer Weile: 

„Sind Sie noch da?“

Ich: „Ja, bin ich.“ 

„Tut gut, dass Sie nichts sagen und Zeit haben.“ 

Stockend erwägt sie jetzt ein paar praktische Fragen, was sie nun morgen früh tun wird. Arzttermin usw. Immer wieder Schweigen zwischendurch.

Sie am Schluss: 

„Ich ruf Sie in den nächsten Tagen wieder an...“ 

 

Puh…schwere Kost am Morgen ist das. Aber es ist die Realität, vielleicht auch gerade, jetzt in diesem Moment in einer der über 100 Telefonseelsorgestellen in Deutschland. 

 

Beeindruckt hat mich ich die Reaktion der Anruferin: „Tut gut, dass Sie nichts sagen und Zeit haben“. Das ist ja erst mal nicht viel, sollte man denken. Aber vielleicht in ihrer Krise scheint das genau die richtige Ration zu sein, die die junge Anruferin braucht, um weiter zu kommen. Zuhören, Zeit haben: Ganz dezent, nicht aufdrängend, mitfühlend, aber nicht bemitleidend. Kurz: die Möglichkeit eines Gesprächs. 

 

Eben: wie eine Telefonzelle in der Wüste.

 

Kommen Sie gut in den Tag, wünscht Klaus Nelißen aus Köln.

 

http://www.telefonseelsorge-koeln.de/images/stories/TS_Koeln_Buch.pdf , S.30f.