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DIE MÖGLICHKEIT EINES GESPRÄCHS (Sendung)

 

Guten Morgen,

 

Eine Telefonzelle inmitten der Wüste Negev. Das Foto ist Jahre alt. Aber noch immer freue ich mich diebisch über diesen Schnappschuss von damals aus Israel. Es ist so schön absurd: Mitten in der endlosen Sandwüste steht da das Telefonhäuschen, ganz akkurat. Und kein Mensch ist zu sehen, weit und breit. 

Wobei: Die Telefonzelle hatte damals sehr wohl einen Sinn: Handys gab es noch nicht flächendeckend und der Negev ist so etwas wie der Truppenübungsplatz von Israels Armee. Die Telefonzelle war für die jungen Soldaten der Weg, von dort aus mit jemand zu sprechen. Mit wem auch immer, wo auch immer. Kurz: Die Möglichkeit für ein Gespräch. Selbst in der Wüste. Und so etwas ist gar nicht absurd, sondern ist wichtig.

 

Für mich trifft das Foto das, wofür die Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger hierzulande stehen. Die Möglichkeit für ein Gespräch. Und sie bieten diese Möglichkeit oft genug für Menschen, die gerade Wüstenzeiten durchmachen. 

 

Vor Jahren hat ein Mitarbeiter der Telefonseelsorge den Verlauf eines solchen Gesprächs zu Papier gebracht . Es ist so anonym, so dass es die Privatsphäre der Anruferin achtet. Ich möchte Sie dieses Gespräch hören lassen, weil es mir offenbar macht, worum es geht bei der Telefonseelsorge:

 

22 Uhr fünfzehn. Muss eine Frau sein. Aus dem Hörer kommt nur ein Laut. Ein Stöhnen, oder mehr noch ein Hauch. Ich drücke den Hörer fester ans Ohr. Als ob ich so besser hören könnte. Dunkelheit draußen. Während der anhaltenden Stille kriecht mich die Ahnung an, da kommt etwas Schlimmes. Etwas vielleicht, dem ich nicht standhalten kann. War es die Art des Lauts?

Dann stockend, leise:

„Mein Arzt heute. Ich sei HIV positiv, hat er gesagt.“ 

Dann wieder Stille. 

„Wenn ich nur wüsste, mit wem ich darüber sprechen kann.“ 

Stockt wieder.

„Meine Tochter ist drei. Schläft nebenan in ihrem Zimmer.“ 

Siebenundzwanzig ist die Anruferin.

„Und was ist mit Ihrem Mann?“ 

„Können Sie vergessen. Einfach verschwunden. Nie wieder was von ihm gehört. Mit wem soll ich nur sprechen?“ 

Mein Blick fällt auf ein Kalender-Bild an der Wand: Eine Allee mit blühenden Kastanien. Mein erster Fluchtversuch.

Ich zwinge mich zurück: „Und Ihre Eltern ...?“ 

„Ach was, die würden erwarten, dass ich sie tröste.“

„Unweigerlich zum Tod, hat der Arzt gesagt. Ich habe solche furchtbare Angst.“ 

„Und Ihr Kind?“, frage ich. 

„Ja, Sie sagen es.“

„Warum spreche ich überhaupt mit Ihnen? Bringt ja doch nichts. Mit meiner Freundin zu sprechen auch nicht. Die schüttet mich zu mit Ratschlägen. Dann bin ich noch mehr allein.“

 

Wieder der Impuls, mich in der Kastanienallee vor der Situation zu verstecken. Ich überlege, sie wird jetzt gleich einhängen. Ich warte vergebens auf einen Engel, der mir vielleicht einen hilfreichen Gedanken eingibt.

Schweigen. 

Sie nach einer Weile: 

„Sind Sie noch da?“

Ich: „Ja, bin ich.“ 

„Tut gut, dass Sie nichts sagen und Zeit haben.“ 

Stockend erwägt sie jetzt ein paar praktische Fragen, was sie nun morgen früh tun wird. Arzttermin usw. Immer wieder Schweigen zwischendurch.

Sie am Schluss: 

„Ich ruf Sie in den nächsten Tagen wieder an...“ 

 

Puh…schwere Kost am Morgen ist das. Aber es ist die Realität, vielleicht auch gerade, jetzt in diesem Moment in einer der über 100 Telefonseelsorgestellen in Deutschland. 

 

Beeindruckt hat mich ich die Reaktion der Anruferin: „Tut gut, dass Sie nichts sagen und Zeit haben“. Das ist ja erst mal nicht viel, sollte man denken. Aber vielleicht in ihrer Krise scheint das genau die richtige Ration zu sein, die die junge Anruferin braucht, um weiter zu kommen. Zuhören, Zeit haben: Ganz dezent, nicht aufdrängend, mitfühlend, aber nicht bemitleidend. Kurz: die Möglichkeit eines Gesprächs. 

 

Eben: wie eine Telefonzelle in der Wüste.

 

Kommen Sie gut in den Tag, wünscht Klaus Nelißen aus Köln.

 

http://www.telefonseelsorge-koeln.de/images/stories/TS_Koeln_Buch.pdf , S.30f.

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DIE KUNST DES ZUHÖRENS (Sendung)

 

Guten Morgen!

Es gibt eine Kunstform, die kann man in keinem Museum besichtigen. Sie geschieht direkt zwischen Menschen, ist Vertrauenssache. Und die Meister dieser Kunst wissen: Am besten sind sie, wenn sie sich dabei nicht produzieren.

Ich rede von der Kunst des Zuhörens. Das ist ja erst mal ein geflügeltes Wort und beschreibt keine Kunst im klassischen Sinne. Aber vom Zuhören als Kunst zu reden, das kommt nicht von ungefähr. 

 

Meister dieser Kunstform finden Sie in der Telefonseelsorge: Tag und Nacht hören Männer und Frauen den Anrufenden zu. Sie machen das meist ehrenamtlich, verlangen keine Gebühren, bleiben anonym und sind verschwiegen. Da sie ihr Gegenüber nicht sehen, nicht kennen, müssen sie allein aus dem Gehörten erfassen worum es eigentlich geht. Das „Zu“-Hören ist eine Bewegung auf den anderen hin, baut zielgerichtet einen Kontakt auf. Dabei nimmt sich der Telefonseelsorger oder die Telefonseelsorgerin insofern zurück, als es nur darum geht, empfänglich zu sein für das Anliegen der Anrufenden. 

 

Richtiges Zuhören-Können ist wirklich eine Kunst. Nicht umsonst lernen das die interessierten Männer und Frauen fast ein Jahr, bis sie tatsächlich in die Telefonseelsorge gehen können. Natürlich gibt es Naturtalente. Die können das intuitiv. Aber mir scheint, in unserer Gesellschaft ist diese Kunst auf dem Rückzug. Zu viele Reize, zu viel Ablenkung: Wer schenkt noch jemandem ungeteilt sein Ohr? 

 

Ich war verblüfft, als eine Mitarbeiterin der Telefonseelsorge dieses Zuhören mit einem Instrument verglich. Sie sagt, als Telefonseelsorgerin sehe sie sich wie ein Streichinstrument, das der Musik Klang verleiht. Dazu sei es wichtig, sein Instrument gut gestimmt zu haben. Will heißen: es kann sein, dass der Anrufende ein bestimmte Saite anspielt, ein bestimmtes Lebensthema, das bei ihr besondere Resonanzen hervorruft. Das habe dann weniger mit dem Anrufenden zu tun, sondern vielmehr mit ihr selbst. Das kann ein Thema sein, das die Telefonseelsorgerin selbst berührt, mit dem sie gerade selbst hadert oder wo sie eine eigene seelische Verletzung hat und deshalb besonders sensibilisiert ist. Damit ihre Reaktion, quasi der Ton, dann nicht schrill wird, oder verzerrt, sei es umso wichtiger, seinen Gefühlshaushalt ehrlich zu kennen. 

 

In dem Jahr Vorbereitung auf die Telefonseelsorge lernen die Männer und Frauen daher nicht allerhand Ratgeberbücher auswendig mit den besten Tricks und Kniffs. Sie lernen vor allem ihren Seelenhaushalt kennen, ihr Instrument als Resonanzkörper. Kurz: Ihre Intuition.

 

Die Kunst des Zuhörens bedeutet: Sich für den Moment nur am Anderen zu orientieren. Und das kann nur, wer sich dabei im Blick behält. Um noch einmal im Bild des Instrumentes zu bleiben: Gut Zuhören fängt da an, wo ich mir bewusst

werde, welche Schwingungen das Gesagte bei mir erzeugt. 

 

Wer in dieser Form zuhören kann, der erringt eine eigene Lebensweisheit. Die besteht eben nicht darin, möglichst fix auf alles einen passenden Ratschlag raushauen zu können. Die Weisheit besteht darin, dem anderen möglichst unverstellt Raum zu geben für seine Anliegen. 

 

In der Bibel gibt es dazu eine bemerkenswerte Erzählung. Da gewährt Gott jemandem einen Wunsch. Der Wünschende ist aber nicht irgendwer. Es ist König Salomo. Jetzt müssen Sie dazu wissen, dass Salomo weit über Israel hinaus berühmt gewesen sein soll für seine Weisheit. Nicht von ungefähr sprechen wir heute noch von einem „Salomonischen Urteil“, also ein gerechtes Urteil, das mit Weisheit gefällt wird. 

 

Die Geschichte erzählt, wie der junge Salomo zu seiner Weisheit kam. Denn er wünscht sich nicht Reichtum, Macht, Erfolg, oder allumfassendes Wissen. Nein! Salomo wünscht sich ein „hörendes Herz“ (1Kg 3,9). Damit meint er nicht das Organ, die Blutpumpe, sondern das Herz als Wesensmitte des Menschen. Er wünscht sich ein „hörendes Herz“, vielleicht weil er ahnt, dass alle Weisheit und weisen Entscheidungen in diesem hörenden Herz ihren eigentlichen Grund haben. Die Kunst des Zuhörens ist am Ende also eine Herzensangelegenheit. Weisheit beginnt nicht beim guten Rat, sondern beim Herz, das zu dem Anderen hin-hört.

 

Einen guten Tag wünscht Ihnen Klaus Nelißen aus Köln.

 

Bildrechte: Quinn Dombrowski CC BY-SA 2.0

 

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DIE ICH BIN DA BEWEGUNG (Sendung)

 

Guten Morgen. 

Es begann mit einer kleinen Anzeige: “Before you commit suicide – ringe me up” – “Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an” – diese wenigen Worte in der Londoner Times hatten es in sich. Sie gelten als Initialzündung der Telefonseelsorgebewegung. Denn in der Anzeige stand die Telefonnummer von Reverend Chad Varah. Der britische Seelsorger hatte sie am am 2. November 1953 geschaltet. Er wollte, dass alle wussten, dass man ihn anrufen kann, anonym, im Vertrauen – zu jeder Zeit.

 

Chad Varah machte dieses damals ungewöhnliche Angebot, weil er nicht mehr hinnehmen wollte, dass Menschen aus völlig unsinnigen Gründen in den Tod gehen. Und er hatte seine Gründe: Kurz zuvor musste Varah ein 13-jähriges Mädchen beerdigen, das sich umgebracht hatte. Im prüden England der 1950er Jahre bekommt das Mädchen erstmals seine Periode. Keiner hatte sie aufgeklärt. Das Mädchen glaubt, unheilbar krank zu sein. Und will lieber sterben als lange leiden. Hätte das Mädchen jemand zum Reden gehabt, wäre es wohl noch am Leben. Varah will das ändern und bietet sich an, als jemand, den man anrufen kann. Die Anzeige hat eine enorme Resonanz und schnell ist der Gesprächsbedarf in London so groß, dass Varah Helfer gewinnen muss, um die Anrufe zu bewältigen. Die Telefonseelsorge ist geboren.

 

Nur drei Jahre später startet die Telefonseelsorge in Deutschland. Vor genau 60 Jahren. Damals hieß das Angebot noch „Lebensmüdentelefon“. Aber da die Anliegen der Anrufenden vielschichtiger waren, wurde das Angebot schon bald umbenannt in „Telefonseelsorge“. Die katholische und evangelische Kirche halfen und helfen bis heute, das Angebot flächendeckend aufzubauen und zu betreiben. Heute gibt es 105 Zentralen. Rund um die Uhr ist die Telefonseelsorge erreichbar. Über 7.500 Frauen und Männer arbeiten mit, meist ehrenamtlich, in ihrer Freizeit. Sie führen über 1.8 Millionen Anrufe pro Jahr. Und es könnten mehr sein. Die Anfragen übersteigen die Kapazitäten. 

 

Eine enorme Leistung. In 5-Stunden-Schichten, nachts sogar 9 Stunden stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung. Sie hören zu, bieten ein Gegenüber: anonym, diskret, zugewandt. Dass am Telefon keine Profis sitzen, keine Therapeuten oder Priester, das ist gewollt. Telefonseelsorge ist kein moderner Beichtstuhl und ersetzt auch keine Therapiesitzung. Aber was sie leistet ist enorm wichtig. 

 

Die Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger stehen bereit für ein Gespräch von Mensch zu Mensch. Es gibt eben Dinge, die kann man noch nicht mal seinem besten Freund anvertrauen, oder mit den Nachbarn besprechen. Und: Wie viele Menschen haben keinen, zu dem sie gehen könnten? Wie viele brauchen, wenn die Seele aufgewühlt ist, einfach ein Ohr, das zuhört? 

 

Noch vor allen Ratschlägen ist das vielleicht das wichtigste Signal das die Telefonseelsorge aussendet: Da gibt es ein: „Ich bin da“. Das war genau das, was auch schon aus der Anzeige von Reverend Chad Varah sprach. „Ich bin da“ – komme, was wolle. Dies ist das Versprechen der Telefonseelsorge, bis heute.

 

Oft wurde bereits diskutiert, ob der Begriff „Seelsorge“ förderlich sei. In Spanien z.B. heißt es „Hoffnungstelefon“, in Frankreich „Freundschaftstelefon“. Das klingt alles viel weniger nach Kirche und Glauben. Marketingmenschen könnten das sogar als Vorteil sehen, weil es auf Menschen vielleicht weniger abschreckend klingt. Über den Namen kann man ja streiten. Für mich steht außer Frage, dass dieser Dienst der Telefonseelsorgerinnen und –seelsorger sogar eine Art Gottesdienst ist. 

 

Denn dieses „Ich bin da“ der Telefonseelsorge, anonym, vertrauensvoll, verlässlich, das tut dem Namen Gottes alle Ehre, wie ich ihn aus der Bibel kenne. Hat er nicht genau dies als seinen Namen verraten, als ihn Moses am brennenden Dornbusch danach fragte? „Ich bin der: Ich bin da“. 

 

Ich denke, die meisten Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger gehen nicht so weit wie ich. Sie tuen ihren Dienst um der Menschen willen, die sie anrufen. Sie wollen weder missionieren noch fühlen sie sich dadurch gleich in den Stand der Heiligkeit versetzt. Diejenigen, die ich kennengelernt habe, das sind ganz gestandene und geerdete Menschen. Oft motiviert von demselben Impuls wie Reverend Varah: „Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an.“

 

In einer Großstadt wie Köln rufen allein täglich 2 bis 3 Personen an mit Suizidabsichten. Für diese und andere Menschen da zu sein, das ist ihr Anliegen. Dafür investieren sie ihre Freizeit, schlagen sich auch so manche Nacht um die Ohren und garantieren: Ich bin da.

 

Einen guten Tag wünscht Klaus Nelißen aus Köln 

 

Bildrechte: Matt Brown CC BY-SA 2.0

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NUR VOM HÖREN-SAGEN (Sendung)

 

Guten Morgen,

 

wenn ich hier im WDR-Studio sitze und ins Mikrofon spreche, dann vergesse ich meist, dass Sie mich ja gar nicht sehen, wenn Sie mich hören. 

Aber: Ich se he Sie ja auch nicht – und kann nur vermuten, was Sie in diesem Moment so machen. Im Radio ist das so: da kennt man sich nur vom „Hören-Sagen“.

 

Diese Kontakte zu Menschen, die man nicht sieht, die sind etwas Besonderes. Wenn allein die Stimme einen Raum gibt, um Beziehung aufzubauen. 

Meist geschieht das ja am Telefon. Und oft sind diese Kontakte nur formell: Zu meinem Bank- oder Versicherungsberater baue ich keine persönliche Beziehung auf. 

 

Aber wenn es um mehr als nur um Bürokram geht, dann ist mir die Begegnung von Angesicht zu Angesicht wichtig. Dann lade ich sie möglichst rasch einmal zu einem Kaffee ein, oder zu was auch immer.

 

Wenn ich aber der Frage nachgehe, zu welcher Person ich nur über die Stimme am Telefon eine Beziehung pflegte, dann fällt mir eine treue Hörerin ein, Frau Richter. 

 

Wie wir uns am Telefon kennenlernten, das war so: Ich arbeite im katholischen Rundfunkreferat und wir bekommen recht häufig Anrufe von Hörerinnen und Hörern unserer Sendungen im WDR. Meist sind das einmalige Kontakte. Aber mit Frau Richter hatte ich im Laufe der Zeit so eine Art Telefonfreundschaft geschlossen: Regelmäßig rief sie an, wenn ihre Lieblingsautoren zu Wort kamen. „Herr Nelissen! Sr. Ancilla spricht! Ich freu mich auf diese Woche“, rief sie dann zum Beispiel durchs Telefon. 

 

Ich wusste bald: Sie wohnte in einem Altenheim im Ruhrgebiet, ging stramm auf die 90 zu. Ihre Stimme hatte etwas Aristokratisches an sich, ernst wie beherrscht. Man hörte, dass sie aus gutem Hause stammte.

Weil ihre Stimme aber so etwas kippelig klang, wie die meiner Großmutter, stellte ich sie mir vor wie meine Oma. 

 

Nach und nach erfuhr ich mehr über das Leben hinter der Stimme von Frau Richter. Oft klagte sie über das Altenheimleben: die Einsamkeit, das Essen, die Gebrechen des Alters. Um sie abzulenken, fragte ich dann meist, wie es damals in Berlin war. Davon hatte sie schon bei einem der ersten Telefonate erzählt. Es waren die wohl besten Jahre ihres Lebens. Die Geschichten wiederholten sich, wie bei einer vielgespielten Schallplatte, wo die Nadel auch immer zurückspringt. 

Ich merkte jedenfalls, wie sich Frau Richters Stimme hob, wenn sie von Berlin sprach. 

 

Oft beendete sie ihr Telefonat damit, dass sie sagte: „Wissen sie eigentlich, wie häufig ich für Sie im Radio bete?“ Das hat mich gerührt und irgendwann fragte ich Frau Richter, ob ich für sie eine Kerze im Kölner Dom anzünden dürfe. Das hat sie wiederum gefreut. Und so blieben wir im Kontakt.

 

Irgendwann dann wurde die Stimme schwächer. Frau Richter baute merklich ab. Von jetzt an telefonierte sie im Liegen, wie sie mir sagte. „Herr Nelissen. Ich kann die Sonne nicht mehr sehen von meinem Bett aus“ klagte sie. Da fiel ihr das Sprechen schon schwer. Es war das letzte oder vorletzte Telefonat. 

 

Und dann kam kein Anruf mehr. Ich weiß nicht, ob sie noch lebt. Natürlich bekommt man im Rundfunkreferat keine Todesmeldung von seinen Hörerinnen und Hörern. 

 

Das Ganze ist jetzt zwei Jahre her. Und ich musste an Frau Richter Stimme denken, als ich die Beiträge für diese Woche schrieb. Denn ich möchte in den kommenden Tagen morgens über Telefonseelsorge sprechen. 

Was mich an dieser Arbeit fasziniert: Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger schaffen es immer wieder neu, Kontakt aufzubauen zu den Anrufenden – nur über die Stimme, ganz anonym. Beziehungsarbeit vom Hören-Sagen – das ist ihr Alltag. 

 

Sie stellen ihre eigene Stimme zur Verfügung als ein Gegenüber, das zuhört. So bieten sie eine wichtige Kontaktfläche für Millionen von Menschen hierzulande, die sonst niemanden hätten, denen sie sich anvertrauen könnten.

Ich habe einen hohen Respekt vor allen, die so geduldig zuhören können, gerade dann, wenn sie ihr Gegenüber nicht sehen.

 

Kommen Sie gut in die Woche, halten Sie Ausschau nach der Sonne und finden Sie Menschen, die Ihnen zuhören, wenn Sie es brauchen! Das wünscht Ihnen Klaus Nelißen aus Köln. 

 

Bildrechte: loren kerns CC BY 2.0

 

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Seelsorge am Telefon und Internet

TelefonSeelsorge im Internet   (anklicken zum Hören)

Thomas Kamm: Also, sie hatte Probleme mit Drogen. Sie kam aus einem Elternhaus: Vater unbekannt, Mutter alkoholkrank, also (ein) sehr instabiles Lebensumfeld. Dann in der Folge Schulprobleme, selber auch Probleme mit Aggressionen, (…) viele Probleme, auch über die Jahre immer wieder andere… 

Autorin: So beschreibt Thomas Kamm eine Jugendliche, die bei ihm Rat gesucht hat. Thomas Kamm ist stellvertretender Leiter der TelefonSeelsorge Münster. Die Jugendliche hatte allerdings nicht zum Hörer, sondern in die Tasten gegriffen und sich per Email gemeldet. Seit genau 20 Jahren bietet die TelefonSeelsorge diese Möglichkeit der Internetseelsorge an: Hilfe per Email und später auch via Chat. Das hat Vorteile für die Ratsuchenden: 

Thomas Kamm: Die Besonderheit beim Mailen besteht darin, dass es kein Einmalkontakt bleiben muss. 

 Autorin: Während bei der Seelsorge am Telefon die Kontaktpersonen immer wieder andere sind, bleiben die Seelsorger beim Kontakt per Email immer die gleichen. So war Thomas Kamm über drei Jahre lang fester Ansprechpartner der 14-Jährigen. 

Thomas Kamm: …und wir waren das einzige Hilfsangebot, was sie nicht abgebrochen hat in der Zeit. Es gab viele Themen in ihrem Leben, wo sie auch immer versucht hat, vor Ort sich Hilfe zu suchen, aber sie hat das alles nicht durchgehalten.

 Autorin: Durch den immer gleichen Ansprechpartner bei der Internetseelsorge hatte sie einerseits ein festes Gegenüber. Andererseits… 

Thomas Kamm: …aber kein Gegenüber, was auf sie Einfluss nehmen konnte. Und ich glaube, darin lag die Chance in diesem Fall. Und ich glaube, grundsätzlich ist das eine große Chance, dass der Mailende immer selber entscheidet, wie intensiv es wird, wann der Kontakt auch endet oder wann er mal dünner, mal intensiver wird. Ein sehr flexibles Medium, auch über eine lange Zeit, wenn man das denn will und braucht.

 Autorin: Eine Initiatorin der TelefonseelSorge im Internet ist Birgit Knatz von der TelefonSeelsorge Hagen-Mark. Der Vorteil der Internetseelsorge liegt ihrer Meinung nach darin: 

Birgit Knatz: Dass ich mit mir selber erst mal meine Gedanken sortieren und ordnen kann und die dann in eine Tastatur gebe und das Ganze noch mal kontrollieren kann und dann erst abschicke. Und dieses Gefühl von „selbst kontrollieren zu können, was da geht“, gibt vielen Menschen eine Sicherheit. 

 Autorin: Auch beim Chatten – also der direkten und schnellen Online-Diskussion – kann ich noch etwas wieder löschen bevor ich es abschicke. 21.000 Emailanfragen kommen bundesweit an und über 6000 Chatkontakte kommen zustande (Zahlen 2013). Dabei ist es auffällig, dass sich vor allem Kinder und Jugendliche melden. Manche trauen sich nur hier, zu sagen, dass sie mit dem Gedanken spielen, sich umzubringen. 

Birgit Knatz: Dann gibt‘s diesen ganzen Bereich sexueller Gewalt. Darüber schreiben in der Regel die Mädchen und die Frauen, aber sie sprechen weniger darüber. Also, es sind andere Themen am Telefon oder im Internet. 

 Autorin: Wenn Kinder und Jugendliche bei der TelefonSeelsorge anrufen, geht es oft um Gewalterfahrungen – seelische oder körperliche. Ansonsten kommen die Alltagsprobleme vor: 

Thomas Kamm: …von Konflikten im Elternhaus, Schulnoten, auch Auseinandersetzung in der Klasse oder Clique, Mobbing. Aber auch manchmal einfach nur Traurigsein. Traurigsein, weil das Lieblingstier gestorben ist, weil Oma gestorben ist. 

Autorin: Nah dran sind die Ehrenamtlichen der TelefonSeelsorge – ganz gleich in welchem Medium. Im Internet nun genau seit 20 Jahren.

 

Quelle: http://www.kirche-im-wdr.de/startseite/show/programm/rat-per-email-und-chat-telefonseelsorge-im-internet/

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"Noch nie habe ich mich so allein gefühlt"

Saskia Jungnikl - "Papa hat sich erschossen"

In der Süddeutschen Zeitung ist ein sehr interessanter Artikel zum Thema Suizid erschienen, über ein Buch, dass eine Tochter über den Suizid des Vaters geschrieben hat.

Saskia Jungnikl hat ein Buch über den Suizid ihres Vaters veröffentlicht: "Papa hat sich erschossen." Die 34-Jährige sagt: "Es ist keine Abrechnung mit meinem Vater. Ich wollte zeigen, wie hart der Einschnitt für mich war." Suizid sei in Deutschland ein Tabuthema, es gebe kaum Literatur von Angehörigen darüber. Obwohl sich weltweit alle 40 Sekunden ein Mensch selbst tötet, allein in Deutschland mehr als 10 000 im Jahr, davon unmittelbar betroffen sind pro Suizid mindestens drei bis fünf enge Angehörige. "Das sind zu viele, als dass man nicht darüber sprechen kann," sagt Jungnikl. Hier beschreibt sie, wie der Suizid des Vaters sie in eine schwere Krise gestürzt hat - und wie es ihr gelungen ist, den Schmerz zu überwinden. 

Saskia Jungnikl mit ihrem Vater: "Er hat mich festgehalten und mir gesagt, dass er mich liebt und gefragt, ob ich ihn auch liebe. Er hat sich von mir verabschiedet."

 

Am Anfang habe ich nur blind funktioniert

"Es sind die Gespräche, die sich verändert haben. Diese Gespräche, in denen jemand fragt: Was macht denn dein Vater? Seit dem 7. Juli 2008 muss ich darauf antworten: 'Er hat sich erschossen.' Es ist immer noch schwer für mich, das auszusprechen. Was weniger daran liegt, dass ich ein Problem damit habe, als vielmehr daran, dass ich mein Gegenüber ungern unvorbereitet in diese Situation bringen will. Nach solchen Sätzen geht es in einem Gespräch kaum mehr bergauf. Es gibt keine gängige Antwort auf ein 'Er hat sich das Hirn weggeschossen'.

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Mein Vater war 67 Jahre alt, als er sich das Leben nahm. Damals war ich 27. Meine Mutter erreichte mich auf dem Weg zur Arbeit und sagte: 'Papa ist tot. Er hat sich erschossen.' Danach war nichts mehr wie vorher. Am Anfang habe ich nur blind funktioniert. Ganz langsam ist dann eingesickert, was hier gerade passiert. Es gibt bis heute immer wieder Momente, in denen ich geradezu fassungslos bin, dass er das tatsächlich gemacht hat. Es ist eine selbstverständliche Annahme von mir, dass die Menschen um mich herum leben und nicht sterben wollen. Dass mein Vater, ein Mensch, den ich gut gekannt und sehr geliebt habe, sich getötet hat, hat dieses innere Prinzip umgedreht. Damit stand lange Zeit für mich alles Kopf.

Ich kann als Mensch schon akzeptieren, dass jemand sein Leben nach seinen eigenen Bedingungen beenden will. Aber als Tochter ist das anders. Als Tochter erwarte ich, dass meine Eltern so lange leben, wie es nur möglich ist. Und mein Vater war nicht krank. Es war nicht absehbar, dass er sich tötet. Ich denke, es wäre mir lieber gewesen, wenn er mich einbezogen hätte. Dann hätte ich ihm ein paar der wichtigen Fragen stellen können, die ich beantwortet brauche. Und ich hätte mich verabschieden können.

 

Als ich ihn das letzte Mal lebend gesehen habe, war ich zu Hause und bin ihm an der Küchentür in die Arme gerannt. Er hat mich festgehalten und mir gesagt, dass er mich liebt und gefragt, ob ich ihn auch liebe. Er hat sich von mir verabschiedet. Es ist schaurig, dass er damals wusste, dass wir uns nie wiedersehen werden. Und ich nicht.

 

Saskia Jungnikl sagt: "Sein Suizid hat mir lange Zeit das Gefühl gegeben, dass mein Vater lieber gestorben ist als bei mir zu bleiben."

 

Suizid ist ein Tabu

Sein Suizid hat mir lange Zeit das Gefühl gegeben, dass mein Vater lieber gestorben ist als bei mir zu bleiben. Das hat mir viel von meinem Selbstwertgefühl, meinem Selbstbewusstsein genommen. Ich habe es als einen persönlichen Akt gegen mich empfunden, obwohl ich weiß, dass er mich sehr geliebt hat. Meine Mutter sagt, er hat im Moment vor seinem Tod nicht an uns gedacht, denn dann hätte er das nicht tun können. Aber die Frage, warum er tot ist, hat mich lange umgetrieben. Noch nie habe ich mich so alleine gefühlt wie in diesen Jahren nach seinem Tod. Ich dachte, ich werde niemandem je begreifbar machen können, was in mir vorgeht. Ich dachte, niemand kann das je verstehen. Suizid ist ein Tabu.

Ich habe begonnen, mich intensiv damit zu beschäftigen: Warum sich Menschen töten und wie Medien mit dem Thema umgehen. Und ich bin dabei immer wieder auf dieses Tabu gestoßen, auf diese Unsicherheit, die es Betroffenen so schwer macht, sich zu öffnen. Es ist wichtig, dass Medien einen Weg finden, darüber zu schreiben. Denn es ist erwiesen, dass nicht entscheidend ist, ob, sondern wie über einen Suizid berichtet wird. Die WHO nennt den Suizid eines der größten Gesundheitsprobleme weltweit.

 

Eine Antwort auf mein Warum

Dennoch herrscht eine so große Sprachlosigkeit und Stille. Sie schadet allen. Sie schadet jenen, die jemanden verloren haben, weil sie mit ihrer Fassungslosigkeit und ihrem Schmerz alleine bleiben. Und sie schadet auch denen, die daran denken, sich zu töten. Weil es ihnen damit so schwer gemacht wird, sich zu öffnen, darüber zu reden und Hilfe zu bekommen.

Die schönsten Nachrichten, die ich heute erhalte, kommen von Menschen, die sagen, sie hätten selbst auch an Suizid gedacht und dann hätten sie in meinem Buch gelesen, wie das für Angehörige ist. Und sich nun Hilfe gesucht, und mit ihrer Familie darüber geredet. Manche schreiben mir, dass sie sich Sätze in meinem Text anstreichen und damit zu Freunden gehen und sagen, schau mal, so fühle ich auch. Es ist leichter, eine Stille zu durchbrechen, wenn man schon ein paar Wörter hat. Weitere zu finden, ist dann ein bisschen leichter.

Mir selbst hat das Schreiben dabei geholfen, eine Antwort auf mein Warum zu kriegen. Ein Teil der Antwort ist sicher, dass vier Jahre vor meinem Vater mein Bruder gestorben ist. An einem geplatzten Blutgerinnsel im Kopf. Es ist kein Zufall, dass mein Vater sich in der Nacht erschossen hat, in der mein Bruder 30 Jahre alt geworden wäre. Er konnte mit dem Verlust nicht umgehen. Das liegt auch daran, dass es ihm so schwer möglich war, sich zu öffnen. Mein Vater war sehr stark, er war hoch intelligent und feinfühlig. Als mein Bruder starb, hat er sich körperlich verändert: Seine Haare wurden schneeweiß, plötzlich ging er gebückt, seine Schritte wurden kurz und tapsig. Ihm hat Angst gemacht, dass er körperlich und geistig abbaut.

 

Saskia Jungnikl hat gelernt: "Es ist leichter, eine Stille zu durchbrechen, wenn man schon ein paar Wörter hat."

 

Trauer hat keine Deadline

Vielleicht hätten wir vehementer darauf bestehen müssen, dass er sich Hilfe sucht. Andererseits haben wir das getan, und er hat es immer abgelehnt. Es reicht nicht, zu einem Depressiven zu gehen und zu sagen: Komm, ich helfe dir. Der sagt dann im Normalfall nicht: Oh, fein, danke. Man kann Hilfe nur anbieten, sie muss aber angenommen werden. Wir haben ihm oft gesagt, er soll doch mit einem Therapeuten reden. Das wollte er nicht. Mein Vater hat seine Sorgen und Probleme immer mit sich selbst ausgemacht. Für ihn war das Leben zum Schluss wohl wie ein immer enger werdender Tunnel, in dem es kein Licht mehr gab.

Es klingt merkwürdig, aber ich kann ihn auch verstehen. Zumindest ein Teil von mir kann es. Ein anderer kann es überhaupt nicht. Manchmal fragen mich Menschen, ob ich wütend auf ihn sei oder ob ich ihn liebe. Das finde ich komisch, weil man doch beides tun kann. Ich liebe ihn sehr, aber manchmal bin ich wütend auf ihn.

Mein Vater war mir 26 Jahre lang ein toller Vater. Dafür bin ich dankbar. Wir hatten in meiner Familie immer unglaublich viel Spaß und dieses glückliche Leben vor seinem Tod hat mir auch in dem schrecklichen Leben nach seinem Tod geholfen. Ich bin mir sicher, dass er nicht abschätzen konnte, wie schwer uns sein Tod treffen würde und wie hart wir alle daran arbeiten mussten, wieder in eine Normalität zu finden. Es hat meine Familie getroffen, aber auch viele andere Menschen, die ihn gekannt und gemocht haben. Ein Suizid zieht immer weitere Kreise als angenommen wird.

 

Dann hatte ich Sehnsucht

Trauer hat keine Deadline. Ich glaube, wir brauchen in unserer Gesellschaft einen neuen Umgang mit Trauer und Tod. Wir erwarten, dass ein trauernder Mensch nach ein paar Tagen wieder der Alte ist. Als ob man Trauer abhaken könnte. Dabei ist sie ein Grundgefühl, so wie Glück oder Angst. Mal ist es mehr, mal weniger.

Ich dachte anfangs, gut, ich halte mich an die Trauerphasen. Die habe ich auch durchlaufen, wie nach Lehrbuch, mal war ich traurig, dann wütend, dann hatte ich Sehnsucht. Aber nach der dritten Phase kam dann plötzlich wieder Phase eins. Trauer verläuft eben nicht nach Lehrbuch. Ich habe von mir selbst erwartet, dass ich die Trauer nur hinter mich bringen muss und dann geht es mir wieder gut. Dann bin ich wieder der Mensch, der ich vorher war. So etwas Dummes.

Es war ein wichtiger Moment, als ich verstanden habe, dass ich nie wieder der Mensch sein werde, der ich vorher war. Und dass das in Ordnung ist. Man kann manches nicht ungeschehen machen. Der Tod meines Vaters, der Tod meines Bruders, sie gehören zu meinem Leben. Sie bedeuten nicht, dass dieses Leben nicht trotzdem ein erfülltes und glückliches sein kann.

Vergangenes Jahr habe ich geheiratet. Den tollsten Mann überhaupt. Am Tag nach der Hochzeit bin ich aufgewacht und habe zu meinem Mann gesagt: 'Papa war wirklich nicht da.' Ich habe geweint, aber dann war es auch wieder gut. Es ist wichtig für mich, dass ich nun weiß, dass ich diese Momente der Traurigkeit haben kann - und sie wieder aufhören.

 

Wut, Verzweiflung, Unsicherheit, Schuld, Angst

Nach Jahren wieder unerwartet traurig zu sein, kann einen unglaublich unter Druck setzen. Trauer kommt in Wellen. Man ist nicht durchgehend traurig, aber lange Zeit kann es einen unerwartet einholen. Es hat mir geholfen, darüber zu reden. Ich habe eine Gesprächstherapie gemacht. Die war unglaublich hilfreich dabei, vieles in mir neu zu ordnen. Vor allem auch, weil ich nach dem Suizid von der Vielzahl an Gefühlen einfach überfordert war.

Mein Bruder ist eines natürlichen Todes gestorben und wenn ich an ihn denke, dann ist da nur Trauer. Der Tod meines Vaters ist viel komplexer. Da ist Wut und Verzweiflung, Unsicherheit, Schuld, Angst. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich meine eigene Zeit zur Verarbeitung brauche. Merklich besser ging es mir nach drei Jahren.

Manchmal merkt man erst, wie schlecht es einem ging, wenn es besser wird. Man gewöhnt sich an alles. Aber als ich zum ersten Mal wieder so einen Moment puren Glücks erlebt habe: Da war so viel Erleichterung. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt und lange nur genossen, dass ich glücklich war. Als wäre etwas zu mir zurückgekommen, woran ich nicht mehr geglaubt habe. Es ist wichtig, nachsichtig mit sich zu sein.

 

Ich glaube, dass Offenheit Stärke erzeugt

Am meisten geholfen haben mir die Gespräche mit meiner Familie und meinen Freunden. Mit Leuten, zu denen ich Vertrauen habe, wo ich mich nicht verstecken musste. Und mir Zeit zu geben. Manchmal glaubt man, es wird nie wieder bergauf gehen, aber das tut es. Es dauert lange und es geht langsam, aber es gibt immer wieder Momente, in denen sich alles fügt. Zu reden, zeigt einem auch, dass man nicht alleine ist. Manchmal ist nichts hilfreicher als das Gefühl, verstanden zu werden.

Mit meinem Buch bin ich in die Öffentlichkeit gegangen, und natürlich habe ich mich vorher gefragt, wie sich das anfühlen wird. Aber alles aufzuschreiben, war auch eine Erleichterung. Ich glaube, dass Offenheit Stärke erzeugt. Einzugestehen, dass man schwache Momente hat, gibt einem viel zurück. Niemand lebt sein Leben und fühlt sich nicht manchmal alleine und schwach oder hat Angst. Das definiert aber nicht, wer wir sind. Es sind nur Momente, nur Seiten von uns.

Ich merke, dass es Menschen hilft, sich zu öffnen, wenn man selbst sich öffnet. Und positive Nachrichten von Menschen zu kriegen, denen ich helfen konnte, hilft auch wiederum mir sehr. Heute bin ich stabil, wobei ich merke, dass eine Unsicherheit geblieben ist. In seltenen Momenten packt mich eine Angst, dass plötzlich wieder etwas passieren kann. Es ist schwer für mich zu akzeptieren, dass ich nicht alles in der Hand habe.

Meine Welt hat sich zweimal ohne mein Verschulden oder Zutun völlig verändert, manchmal habe ich Angst davor, dass das wieder passiert. Dann versuche ich mich zu beruhigen und an die schönen Dinge in meinem Leben zu denken, und mich daran festzuhalten. Zum Glück habe ich davon eine Menge. Man muss sie nur erkennen."

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Saskia Jungnikl ist Journalistin und lebt in Hamburg.

 

Foto: Rafaela Pröll

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MailSeelsorge

 

Hören Sie dazu einen Beitrag im WDR Radio:

 

Wikipedia schreibt über die Seelsorge im Internet:

"Ratsuchende beschreiben beispielsweise bei der Telefonseelsorge im Internet, dass sie über Probleme schreiben, die sie noch niemandem anvertraut haben. Gerade die Niederschwelligkeit des Angebots und die Möglichkeit der Anonymität bewirken, dass diese Form der Seelsorge intensiv werden kann. Dabei entsteht die paradoxe Situation einer Nähe durch Distanz, die bei der Telefonseelsorge seit Beginn dieser ebenfalls medial vermittelten Seelsorge beschrieben wird. Diese Distanz durch das Medium ermöglicht dabei sogar Kommunikation zu Themen, die sonst eher als Tabu gelten: Glaubensfragen, Sexualität, Sterben, Tod, Schuld und Vergebung. Für viele Menschen scheinen Chat- und Mailkommunikation noch niederschwelliger zu sein als das Telefongespräch, da man im Internet nicht einmal die Stimme gebrauchen muss."

Die TelefonSeelsorge in Aachen hat im Jahr 2014 2500 Mails geschrieben.

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Mehr über den Telefonseelsorge Weltkongress erfahren Sie hier: www.ifotescongress2016.net

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TelefonSeelsorge Weltkongress vom 19. bis 22. Juli in Aachen

Weltkongress

Das Thema des internationalen Kongresses spiegelt die Arbeit von über 21.000 Freiwilligen, die sich in 23 Nationen für Menschen in seelischer Not engagieren. Der länderübergreifende Austausch auf europäischer Ebene begann vor über 50 Jahren, als sich Organisatoren von telefonischen Krisentelefonen in Genf trafen, um 1967 die non-profit Organisation „International Federation of Telephone Emegency Services“ (IFOTES) zu gründen.

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Strahlender Sonnenschein, ein Ehrenplatz mitten auf dem Katschhof, im Hintergrund der Dom, die Voraussetzungen beim Ehrenwerttag der Stadt Aachen, bei dem sich ca. 200 Vereine präsentierten, waren optimal.